Mittwoch, Juli 14, 2010

CD - Empfehlung: Hélène Grimaud - Bach

Hélène Grimaud
Bach
CD 0028947762485
Deutsche Grammophon
Vorwort der CD
Für Tolstoi bedeutet lieben, den anderen über sich selbst stellen. Dieser Gedanke sagt uns auch etwas über Bach, der wie nur wenige aus tiefstem Herzen auf die Liebe vertraute. Er liebte so sehr mit seinem ganzen Sein und auf absolut konkrete Weise, dass er uns für alle Zeiten etwas hören lässt, das der Offenbarung des Lebens selbst gleichkommt; sein Name wird dabei unwichtig, und das erklärt seine Universalität: so als sei seine Musik das Bewusstsein der Musik schlechthin, ihre Gewissheit und ihr Versprechen. Wohl niemand -außer Shakespeare- konnte wie er jedes Atom des Universums, jede Facette der Welt in ein so tiefes, persönliches Gefühl verwandeln.
Bach ist der Komponist, der die ganze Innigkeit des Gebets und die einsame Antwort des Göttlichen in ihrer Wahrheit vereint. Er formt Raum zu einem unendlichen Bogen, er macht die Zeit zu einer möglichen Zukunft; er greift einen Tanz auf, und man feiert ein Verlöbnis. Uns, die wir so schlecht sehen, schenkt er das Augenlicht wieder. Gewiss gibt es bei Bach keine Grenzen, er fordert uns auf, es ihm gleichzutun in der Ausübung jener Liebe, die es den Lebenden zur Pflicht macht, ihr Leben wachsen zu lassen, es tief ins Herz zurückzuführen.
Heutzutage sind die Debatten vorüber. Man darf Bach nicht nur als Menschen und Zeugen seiner Zeit sehen – denn Bach ist immer die Zukunft. Zu seinen Lebzeiten wurde er von den Zeitgenossen verkannt, die in ihm nur ein Relikt der Vergangenheit sahen, nicht den Propheten für alle Zeit und alle Menschen. Ist es denn nicht gänzlich natürlich, ihn als Ausgangspunkt von Liszt, Busoni oder Rachmaninow zu entdecken? Bach glich einer Insel inmitten des Stroms, frei und unerschütterlich inmitten der Strömungen und Gegenströmungen, genährt durch den Urgrund und getragen von der Hoffnung. Zwischen diesen beiden Grenzsteinen ein symbolischer Weg, das Kennzeichen aller Existenz. Bach kannte keine Zerrissenheit. Er konnte Brücken bauen. In einem Aufleuchten, das die Heiligkeit der Transparenz hat, zeigt er uns immer noch, wie der Schmerz des Lebens und der Glanz des Lichts miteinander zu versöhnen sind.
(Übersetzung: Reinhard Lüthje)

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